Familienzentrum Im Attich
In Bischofsheim steht ein fast fertiges Gebäude leer, während die Gemeinde weiter Zinsen zahlt. Das Familienzentrum Im Attich sollte eigentlich längst eröffnet sein. Stattdessen verzögern Baumängel die Fertigstellung auf unbestimmte Zeit.
Das Familienzentrum ist politisch problematisch geworden, weil drei Faktoren zusammenkommen:

1.
Baukostensteigerung von etwa 4,3 auf knapp 6 Mio. €
2.
Baustopp wegen Baumängeln kurz vor Fertigstellung
3.
Laufende Kredit- und Zinskosten ohne Nutzung des Gebäudes
Was viele nicht wissen:
Für den Bau wurden Kredite aufgenommen, die bereits bedient werden müssen, egal ob das Gebäude genutzt wird oder nicht.
Rechnet man beispielhaft mit rund 4 Millionen Euro Kredit und etwa 3,5 % Zinsen, entstehen jährlich ungefähr 140.000 Euro Zinskosten. Bei zwei Jahren Verzögerung wären das bereits rund 280.000 Euro, ohne dass ein einziges Kind dort betreut werden kann.
Was als wichtiges Projekt für Familien gedacht war, entwickelt sich damit zunehmend zu einem finanziellen Problem für den Haushalt der Gemeinde. Baukosten sind gestiegen, Kredite laufen, und das Gebäude kann nicht genutzt werden.
Wie es dazu kommen konnte, welche politischen Entscheidungen eine Rolle spielen und welche finanziellen Folgen das für Bischofsheim hat, schauen wir uns Schritt für Schritt an.
✅ Kurzfazit
Das Familienzentrum ist politisch problematisch geworden, weil drei Faktoren zusammenkommen:
- Baukostensteigerung von etwa 4,3 auf knapp 6 Mio. €
- Baustopp wegen Baumängeln kurz vor Fertigstellung
- laufende Kredit- und Zinskosten ohne Nutzung des Gebäudes
Für eine kleine Kommune kann das schnell mehrere hunderttausend Euro zusätzliche Belastung bedeuten.
Drei Fragen, die sich angesichts der rund 6 Millionen Euro Investitionskosten und eines ohnehin angespannten Haushalts in Bischofsheim stellen:
- Wer trägt die Verantwortung für die Baumängel?
Wurden Planung, Bauüberwachung und Abnahme ausreichend kontrolliert, und wird die Gemeinde versuchen, entstandene Schäden und Mehrkosten bei beteiligten Firmen oder Planern geltend zu machen? - Wie hoch sind die tatsächlichen Folgekosten für den Gemeindehaushalt?
Neben den Baukosten entstehen weiterhin Zinsen für aufgenommene Kredite, während das Gebäude nicht genutzt werden kann. Wie stark belastet diese Situation den ohnehin defizitären Haushalt? - Wie verhindert die Gemeinde ähnliche Risiken bei zukünftigen Bauprojekten?
Welche Konsequenzen zieht die Kommunalpolitik aus diesem Projekt, damit Kostensteigerungen, Baufehler und lange Verzögerungen künftig frühzeitig erkannt und begrenzt werden?
Chronologie: Familienzentrum Bischofsheim (Schulstraße / „Im Attich“)
2016
- Die Gemeinde Bischofsheim beschließt grundsätzlich den Bau eines Familienzentrums mit Kita auf dem Gelände „Im Attich“.
- Ziel ist eine zentrale Einrichtung für Kinderbetreuung und Familienangebote.
Bauphase (bis 2024)
- Der Neubau entsteht als Familienzentrum mit Kita-Plätzen, insbesondere auch für U3-Betreuung.
- Die Eröffnung wird für Herbst 2024 geplant.
Mai 2024
- Während der Bauarbeiten werden erste erhebliche Baumängel festgestellt, obwohl das Gebäude zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend fertiggestellt ist.
23. September 2024
- Die Gemeinde informiert öffentlich:
- Fertigstellung verzögert sich wegen entdeckter Baumängel.
- Der geplante Umzug im November 2024 kann nicht stattfinden.
- Ein Gutachten soll klären, welche Mängel vorliegen und wie sie behoben werden können.
- Eltern werden informiert, Betreuung soll über andere Einrichtungen (z. B. Kita Parkweg) organisiert werden.
17. Oktober 2024
- Am Gebäude finden umfangreiche Begehungen und Proben durch Sachverständige, Planer und beteiligte Firmen statt.
- Ziel ist ein Gutachten über Ursachen und Ausmaß der Baumängel.
22. Oktober 2024
- Offizielle Mitteilung der Gemeinde:
- Baumängel verzögern die Eröffnung bis auf Weiteres.
- Dauer und Umfang der Sanierung sind noch unklar.
- Erst nach Abschluss des Gutachtens können Maßnahmen geplant und ausgeschrieben werden.
- Die Bürgermeisterin spricht von möglichen erheblichen finanziellen Schäden für die Gemeinde.
Herbst / Winter 2024
- Das Projekt wird zu einem politischen Streitpunkt in der Kommunalpolitik.
- Berichte sprechen von gravierenden Mängeln und offenen Fragen zu Verantwortung und Kosten.
2025
- Die Baustelle bleibt über längere Zeit stillgelegt.
- Laut Berichten ruht der Bau etwa ein Jahr, während Ursachen, Verantwortlichkeiten und weitere Schritte geprüft werden.
- Ein Zeitpunkt für Fertigstellung oder Wiederaufnahme der Arbeiten ist weiterhin unklar.
Kurzfazit (Sachstand)
- Projektbeschluss: 2016
- Bau weitgehend fertig: 2024
- Baumängel kurz vor Eröffnung entdeckt
- Baustopp und Gutachten ab Herbst 2024
- Arbeiten längere Zeit eingestellt (mindestens bis 2025)
- Fertigstellung weiterhin ungewiss
1. Das Projekt: politisch gewollt, finanziell ambitioniert
Die Idee für ein neues Familienzentrum entstand im Zuge der städtebaulichen Entwicklung des Attich-Areals. Neben Bürgerhaus, Mensa und anderen Einrichtungen sollte auch eine größere Kita entstehen.
Politische Ziele waren vor allem:
- Ausbau der Kinderbetreuung
- Familienberatung und soziale Angebote bündeln
- Attraktivität des Ortszentrums erhöhen
Das Projekt wurde über mehrere Jahre vorbereitet und schließlich umgesetzt.
2. Kostenentwicklung des Projekts
Die Kosten haben sich bereits vor dem Baustopp deutlich erhöht.
Phase
geschätzte Kosten
frühe Planung
ca. 4,3 Mio. €
späterer Stand
ca. 5,3 Mio. €
zuletzt bekannte Größenordnung
rund 5,9 Mio. €
Die Kostensteigerungen entstanden durch:
- Baupreissteigerungen
- Nachhaltigkeitsanforderungen beim Gebäude
- Zusatzmaßnahmen wie „Kunst am Bau“ (ca. 100.000 €)
Solche Zusatzkosten wurden lokal bereits politisch kritisiert, weil sie im Verhältnis zum Gesamtbudget relativ hoch waren.
3. Baustopp durch Baumängel
Kurz vor der geplanten Eröffnung (2024) wurden erhebliche Baumängel entdeckt.
Die Bauarbeiten wurden daraufhin gestoppt und Gutachten beauftragt.
Konsequenzen:
- geplante Eröffnung verschoben
- Kita-Plätze fehlen weiterhin
- Gebäude steht teilweise fertig, aber ungenutzt
- mögliche Haftungsfragen zwischen Bauunternehmen, Planern und Gemeinde
Politisch ist das besonders brisant, weil das Gebäude bereits nahezu fertig war.
4. Finanzielle Folgen des Baustopps
Der größte finanzielle Schaden entsteht nicht nur durch Reparaturen, sondern durch sogenannte Opportunitätskosten.
1. Finanzierungskosten laufen weiter
Kommunale Bauprojekte werden normalerweise über Investitionskredite finanziert.
Das bedeutet:
- Kreditaufnahme für Bau
- Zinsen laufen ab Auszahlung
- unabhängig davon, ob das Gebäude genutzt wird
Die Gemeinde zahlt also weiter Schuldendienst.
Bereits in früheren Haushaltsplanungen lagen die Zinsausgaben der Gemeinde im Bereich von rund 0,5 bis 0,8 Mio. € jährlich.
Steigen die Investitionskredite, steigt auch dieser Posten.
2. Zinsniveau seit 2022 stark gestiegen
Der Bau wurde in einer Phase gestartet, in der die Zinsen noch extrem niedrig waren.
Seit 2022 haben sich die Zinsen für kommunale Kredite aber stark erhöht.
Grob vereinfacht:
Jahr
typische kommunale Kreditzinsen
2020
~0,5–1 %
2023–2024
~3–4 %
Das bedeutet:
- Nachfinanzierungen werden deutlich teurer
- Umschuldungen ebenfalls
Wenn ein Teil der Investitionskosten nachfinanziert werden muss, kann die Gemeinde plötzlich mehrere hunderttausend Euro zusätzliche Zinsen über die Laufzeit zahlen.
5. Typisches Rechenbeispiel (vereinfacht)
Angenommen:
- Baukosten: 5,9 Mio. €
- davon Kredit: 4 Mio. €
- Zinssatz: 3,5 %
- Laufzeit: 30 Jahre
Dann ergibt sich ungefähr:
- jährliche Zinsen anfangs: ~140.000 €
- Gesamtzins über Laufzeit: ca. 2 Mio. €
Und das unabhängig davon, ob das Gebäude genutzt wird.
Wenn der Bau sich um 2 Jahre verzögert:
- etwa 280.000 € Zinsen ohne Nutzen.
Das ist der Kern des Problems.
6. Politische Konfliktlinien
Das Projekt ist mittlerweile ein klassischer kommunalpolitischer Konflikt geworden.
Kritikpunkte aus der Lokalpolitik
- Kostensteigerungen während der Planung
- Zusatzkosten (z. B. Kunst am Bau)
- Bauüberwachung und Qualitätskontrolle
- Kommunikation mit Bürgern
Besonders kritisch ist der Zeitpunkt der Mängel:
Das Gebäude war fast fertig.
Damit stellt sich politisch die Frage:
- Warum wurden die Mängel nicht früher entdeckt?
7. Risiko für den Gemeindehaushalt
Die Risiken für Bischofsheim bestehen in mehreren Punkten:
1. Nachbesserungskosten
Je nach Mangel können diese mehrere hunderttausend Euro betragen.
2. Rechtsstreit
Falls Bauunternehmen oder Planer haften sollen, können Verfahren Jahre dauern.
3. Doppelstruktur bei Kitas
Solange das Familienzentrum nicht eröffnet:
- müssen andere Einrichtungen länger genutzt werden
- teilweise mit Provisorien
4. Zinslast ohne Nutzen
Die Gemeinde bedient Kredite für ein Gebäude, das nicht genutzt wird.
8. Politisch wichtigster Punkt: Opportunitätskosten
Der entscheidende finanzpolitische Schaden ist oft nicht der Baufehler selbst, sondern:
- gebundenes Kapital
- laufende Zinsen
- entgangener Nutzen
Das ist typisch für kommunale Baukrisen.
Ein halb fertiges Gebäude ist für den Haushalt fast so teuer wie ein fertiges.
9. Ein strukturelles Problem vieler Kommunen
Der Fall Bischofsheim ist kein Einzelfall.
Typische Ursachen:
- komplexe Vergabeverfahren
- viele beteiligte Firmen
- Fachkräftemangel im Bau
- steigende Baupreise
- geringe Bauverwaltungs-Kapazitäten in kleinen Gemeinden
Dadurch steigt das Risiko von Verzögerungen.
✅ Kurzfazit
Das Familienzentrum ist politisch problematisch geworden, weil drei Faktoren zusammenkommen:
- Baukostensteigerung von etwa 4,3 auf knapp 6 Mio. €
- Baustopp wegen Baumängeln kurz vor Fertigstellung
- laufende Kredit- und Zinskosten ohne Nutzung des Gebäudes
Für eine kleine Kommune kann das schnell mehrere hunderttausend Euro zusätzliche Belastung bedeuten.
Am Ende wird hier kein eigenes Geld verbrannt,
sondern dieses wunderbar folgenlose Fremdgeld, das wie von Zauberhand immer wieder nachwächst, weil es zuverlässig aus den Taschen der Steuerzahler kommt. (Sarkasmus aus)
Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass bei kommunalen Bauprojekten nicht mehr gebaut, sondern verwaltet wird.
Die handwerkliche Realität auf der Baustelle scheint dabei oft niemanden ernsthaft zu interessieren. Wenn Risse, Feuchtigkeit oder schiefe Bauteile schon während der Bauphase auftreten, dann ist das kein Pech und auch kein Einzelfall, sondern Ausdruck stümperhafter Ausführung und fehlender Kontrolle.
Besonders problematisch ist, dass in der Kommune offenkundig die fachliche Kompetenz fehlt, um solche Projekte sicher zu steuern. Entscheidungen werden getroffen, ohne die baulichen Konsequenzen wirklich zu verstehen. Externe Planer und Firmen werden beauftragt, aber ihre Arbeit wird kaum kritisch hinterfragt. Wer nicht weiß, worauf er achten muss, merkt auch nicht, wenn etwas schiefläuft.
Hinzu kommt eine Kultur der Verantwortungsdiffusion. Zuständigkeiten sind sauber verteilt, aber niemand fühlt sich verantwortlich. Wenn am Ende Baumängel sichtbar werden, verweist man auf Gutachten, Verträge oder Zuständigkeitsfragen. Das ersetzt jedoch keine Bauaufsicht und schon gar nicht gesunden Menschenverstand auf der Baustelle.
Was besonders irritiert, ist der Kontrast zu früher. Es gab Zeiten, in denen Bauleiter täglich vor Ort waren, Mängel sofort angesprochen und notfalls Arbeiten gestoppt wurden. Heute scheint man zu hoffen, dass Probleme sich im Papier, in Protokollen oder später vor Gericht lösen lassen. Für die Qualität des Bauwerks ist das fatal.
Am Ende zahlen die Bürger doppelt. Einmal mit ihren Steuergeldern für mangelhafte Bauten und ein zweites Mal für Gutachten, Nachbesserungen und jahrelange Verzögerungen. Solange die Kommune Baukompetenz nicht als Kernaufgabe begreift, sondern als lästige Verwaltungsroutine, werden solche Bauprojekte immer wieder scheitern.
