Pressemappe Hitze II

Einladung zur Infoveranstaltung Hitzeaktionsplan an die Gemeindevertreter am 20.05.2026 - eine kritische Betrachtung.

Klimapolitik ohne Transparenz ist keine Vorsorge, sondern Politik auf Zuruf

In Bischofsheim und im Kreis Groß-Gerau wird derzeit mit erheblichem moralischem Druck Klimahandlungsbedarf beschworen. Stadtklimaanalyse 2024 und Hitzeaktionsplan dienen dabei als fachliche Grundlage für politische Maßnahmen, die absehbar auch den Gemeindehaushalt betreffen werden.

Was dabei fehlt, ist das Entscheidende: Transparenz.

Während in der Klimaforschung selbst zentrale Extrem-Szenarien inzwischen kritischer bewertet werden, wird auf kommunaler Ebene so getan, als seien die zugrunde liegenden Annahmen unumstritten. Dabei bleibt völlig offen, auf welchen konkreten Daten die Analysen beruhen.

Wo sind die Messstationen?
Welche Zeiträume wurden ausgewertet?
Welcher Anteil der Ergebnisse ist gemessen, welcher modelliert?
Und vor allem: Welche Szenarien wurden verwendet – auch solche, die heute selbst in der Forschung relativiert werden?

Statt diese Fragen offen zu beantworten, wird politischer Handlungsdruck aufgebaut. Maßnahmen sollen umgesetzt, Programme aufgelegt und finanzielle Verpflichtungen eingegangen werden – auf Basis einer Datengrundlage, die für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar ist.

Das ist keine evidenzbasierte Politik. Das ist Entscheidungsfindung unter moralischem Vorzeichen.

Besonders problematisch ist, dass Kritik nicht als notwendiger Bestandteil einer sachlichen Abwägung behandelt wird, sondern implizit als verantwortungslos gilt. Genau damit wird eine offene Diskussion verhindert – und Vertrauen verspielt.

Klimaanpassung kann sinnvoll sein. Aber sie darf nicht auf Annahmen beruhen, die weder transparent noch überprüfbar sind. Wer ernsthaft Verantwortung für den Gemeindehaushalt übernimmt, muss zuerst die Grundlage offenlegen, bevor er Maßnahmen fordert.

Bischofsheim braucht keine Politik auf Zuruf und keine moralische Dringlichkeitsrhetorik.
Bischofsheim braucht nachvollziehbare Daten, offene Diskussion und Entscheidungen, die diesen Namen verdienen.

 

Die Einladung zur Infoveranstaltung am 20.05.2026

Schauen wir uns gemeinsam die Einladung etwas genauer an:

Die Einladung ist politisch interessanter, als sie auf den ersten Blick wirkt. Besonders auffällig ist die Sprache und die implizite Vorfestlegung der Debatte.

 

Der Kreis GG schreibt ausdrücklich, Ziel der Veranstaltung sei es,

🔵„eine gemeinsame Wissensbasis für die neue Wahlperiode zu schaffen“

🔵sowie „Sicherheit im Umgang mit dem Plan zu vermitteln“.

 

Gleichzeitig wird der Hitzeaktionsplan bereits als:

🔵„gemeinsame fachliche Grundlage“
und als Beitrag zur
 

🔵kommunalen Daseinsvorsorge“
eingeordnet.

 

Genau darin steckt der politische Kern:
Der Plan wird sprachlich bereits als legitime und notwendige Grundlage gesetzt, bevor zentrale methodische Fragen öffentlich diskutiert oder transparent offengelegt wurden.

Besonders bemerkenswert ist auch:
Die Veranstaltung dient laut Einladung ausdrücklich dazu,

🔵"die Rolle von Kommunalpolitik und Verwaltung in der Umsetzung einzuordnen“

Das deutet darauf hin, dass weniger eine offene fachliche Diskussion vorgesehen ist, sondern eher die politische und administrative Implementierung vorbereitet wird.

 

Gleichzeitig fehlen in der Einladung vollständig:

🔵Hinweise auf methodische Unsicherheiten,

🔵Diskussion konkurrierender Szenarien,

🔵Einordnung aktueller wissenschaftlicher Neubewertungen,

🔵Offenlegung von Modellanteilen,

🔵oder eine kritische Debatte über Kosten-Nutzen-Abwägungen.

 

Das passt leider exakt zu der von mir erhobenen Kritik: 

Aus modellbasierten Szenarien wird bereits ein politischer Handlungsrahmen konstruiert, bevor die Datengrundlage öffentlich umfassend diskutiert wurde

Und bevor ich Sie noch weiter langweile, erlauben Sie mir doch einen kurzen und schnellen Blick auf die verwendeten "Messstationen":

Kurz und direkt, hier deine kritische Zusammenfassung mit Fokus auf die Temperaturmessung, welche Stationen genannt sind und wie viele tatsächlich verwendet wurden.

Kernbefund, kurz:

Die Stadtklimaanalyse liefert klare Aussagen zu Hitze-Hotspots und Frischluftströmen, nennt in den öffentlich zugänglichen Unterlagen aber keine vollständige, nachvollziehbare Liste der konkreten Temperaturmessstationen für Bischofsheim oder den Kreis Groß-Gerau. Ebenso fehlt eine explizite Angabe, wie viele Messpunkte genau in die Auswertung eingeflossen sind. Das ist eine relevante methodische Lücke.

Was in den Quellen steht:

  • Die Analyse wurde vom Kreis in Auftrag gegeben und finanziell vom Land Hessen getragen, die fachliche Datengrundlage stammt offenbar aus regionalen Messnetzen und Modellierungen, unter anderem in Kooperation mit dem Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie und vermutlich dem Deutscher Wetterdienst.
  • Öffentlich werden Klimafunktionskarten und Planungshinweise gezeigt, die Ergebnisse für jede Kommune, aber keine Rohdaten oder Stationstabellen.

Welche Messstationen plausibel relevant sind:

In den öffentlich zugänglichen DWD-Verzeichnissen und CDC-Hilfsdateien tauchen Messstellen in der Region auf. Beispiele mit kurzer Begründung, diese könnten in regionalen Auswertungen eine Rolle spielen:

  • Groß‑Gerau, Messstelle Groß-Gerau-Wallerstädten (DWD-Einträge, Niederschlag/Stationsdaten vorhanden), gilt als direkt örtlich relevant.
  • Frankfurt am Main, große, langjährige DWD-Stationen (referenzielle Daten für das Rhein-Main-Gebiet).
  • Offenbach (Offenbach-Wetterpark), oft in regionalen Klimavergleichen genutzt.
  • Darmstadt, regionale Relevanz für Südhessen.
  • Rüsselsheim und umliegende kleinere Stationen, wegen Nähe zu Bischofsheim/ Groß-Gerau oft mit einbezogen.
  • Diese Liste ist plausibel, bestätigt aber nicht, dass genau diese Stationen in der Stadtklimaanalyse (auch für Bischofsheim) verwendet wurden.

Wie viele Stationen wurden verwendet?

Die Öffentlichkeit bekommt keine genaue Zahl. In typischen Stadtklimaanalysen werden je nach Maßstab und Methode zwischen einigen Dutzend (bei Raster/Modellierung mit vielen Input-Stationen) und nur wenigen Referenzstationen (bei punktuellen Vergleichen) genutzt. Für den Kreis Groß-Gerau kann man erwarten, dass mehrere umliegende DWD-Stationen plus lokale Niederschlags-/Temperaturmessstellen (z. B. Groß-Gerau-Wallerstädten) als Basis dienten, die exakte Anzahl bleibt aber unklar.

Warum das aus meiner Sicht wichtig ist:

  • Ohne eine dokumentierte Stationsliste lässt sich nicht nachvollziehen, wie repräsentativ die Ergebnisse für konkrete Ortsteile, etwa Bischofsheim, wirklich sind.
  • Messdichte, Stationshöhe, Urbanisierungsgrad und Messdauer beeinflussen die Ergebnisse stark. Das muss transparent sein, damit Kausalität und Unsicherheit bewertet werden können.
  • Wenn Modelle oder interpolierte Rasterdaten verwendet wurden, entscheidet die Auswahl der Input-Stationen (und die Interpolationsmethode) darüber, ob Hotspots real sind oder Artefakte.

 

1. Präsentation Hitzeaktionsplan Kreis Groß-Gerau vom 20.05.2026

Die Präsentation bestätigt im Wesentlichen viele der Punkte, die ich bereits im Schriftwechsel mit Herrn Oyan herausgearbeitet wurden:

1. Der Hitzeaktionsplan ist politisch deutlich relevanter als öffentlich dargestellt

Offiziell wird der Plan häufig als reine „Gesundheitsvorsorge“ beschrieben.

Die Präsentation zeigt jedoch ausdrücklich:

  • Einfluss auf kommunale Planungsprozesse,
  • Einfluss auf Haushaltsberatungen,
  • Einfluss auf Mittelvergabe,
  • Einfluss auf Verwaltungsvorlagen,
  • Einfluss auf Bauleitplanung und Regionalplanung.

Wörtlich heißt es:

„Der Hitzeaktionsplan als Leitfaden für kommunale Entscheidungsprozesse“

Damit wird klar:


Der Plan soll politische Prioritäten und kommunale Entscheidungen aktiv beeinflussen.

 

2. RCP8.5 wird weiterhin zentral verwendet

Die Präsentation arbeitet mehrfach mit dem Szenario:

„Weiter wie bisher – RCP8.5“

Dieses Szenario wird verwendet für:

  • Sommertage,
  • heiße Tage,
  • Tropennächte,
  • Zukunftsprojektionen bis 2100.

Das ist politisch relevant, weil RCP8.5 inzwischen selbst innerhalb der Klimaforschung zunehmend nur noch als Extrem- oder Stressszenario eingeordnet wird.

Die Präsentation erwähnt diese wissenschaftliche Neubewertung allerdings an keiner Stelle.

 

3. Die Argumentation basiert stark auf Modellierungen und Zukunftsprojektionen

Die gesamte Struktur der Präsentation basiert auf:

  • Szenarien,
  • Zukunftsprognosen,
  • modellierten Entwicklungen,
  • und Vergleichsrechnungen bis 2060 bzw. 2100.

Das bestätigt:


Die politischen Schlussfolgerungen beruhen nicht nur auf heutigen Messwerten, sondern wesentlich auf modellierten Zukunftsannahmen.

 

4. Weiterhin fehlen zentrale methodische Angaben

Trotz der umfangreichen Präsentation fehlen weiterhin:

  • konkrete Messstationen für Bischofsheim,
  • konkrete lokale Messreihen,
  • klare Abgrenzung zwischen Messung und Modellierung,
  • Unsicherheiten und Fehlerbandbreiten,
  • Validierung kleinräumiger Projektionen.

Im Schriftwechsel wurde inzwischen ausdrücklich eingeräumt:


Eine vollständige Offenlegung der Rechen-, Interpolations- und Modellierungsschritte sei nicht Bestandteil der öffentlichen Unterlagen.

Das bleibt der zentrale Kritikpunkt.

 

5. Der Hitzeaktionsplan greift unmittelbar in kommunale Planung ein

Besonders relevant:
Die Präsentation beschreibt ausdrücklich:

  • Integration in Bauleitplanung,
  • Einfluss auf Bebauungspläne,
  • Vorrang- und Vorbehaltsgebiete für Klimafunktionen,
  • Schwammstadtprinzip,
  • Vorgaben für Neubauten,
  • Begrünungs- und Verschattungsmaßnahmen,
  • organisatorische Maßnahmen im öffentlichen Dienst.

Damit entstehen mittelbar:

  • finanzielle Folgen,
  • planerische Auswirkungen,
  • zusätzliche Standards,
  • und langfristige Folgekosten.

 

6. Kommunikations- und Steuerungsebene auffällig präsent

Die Präsentation enthält mehrfach Begriffe wie:

  • Sensibilisierung,
  • Kommunikationskaskade,
  • Informationssteuerung,
  • Verhaltensanpassung.

Das zeigt:


Es geht nicht nur um akute Gefahrenabwehr, sondern auch um langfristige Steuerung kommunaler Prozesse und gesellschaftlicher Verhaltensweisen.

 

Die Kernfrage bleibt:


Auf welcher konkreten lokalen Datengrundlage sollen langfristige planerische und finanzielle Entscheidungen getroffen werden, wenn:

  • zentrale Modellierungsparameter nicht offengelegt werden,
  • lokale Messpunkte nicht konkret benannt werden,
  • und erhebliche Teile der Aussagen auf Szenarien und Modellierungen beruhen?

Genau an diesem Punkt bleibt die Präsentation weiterhin auffällig unscharf.

 

Quick & Dirty

  1. Der entscheidende politische Satz steht auf Seite 28
    Das ist vermutlich die wichtigste Folie der gesamten Präsentation:

„Der Hitzeaktionsplan als Leitfaden für kommunale Entscheidungsprozesse“

Dort wird ausdrücklich formuliert:

  • Priorisierung bei Mittelvergabe,
  • Einfluss auf Haushaltsberatungen,
  • Entscheidungsmaßstab für Verwaltungsvorlagen,
  • Einfluss auf Bauleitplanung.

Das bestätigt exakt die angebrachte  Kritik:


Der Hitzeaktionsplan ist eben nicht nur eine neutrale Informationsbroschüre, sondern soll konkrete politische und finanzielle Entscheidungen beeinflussen.

Und weil wir gerade dabei sind, lassen Sie uns noch einen kurzen Blick auf die Abgrenzung zwischen Messung und Modellierung werfen: 

Abgrenzung zwischen Messung und Modellierung

Die Dokumentation kombiniert reale Messdaten, interpolierte Rasterdaten und Stadtklimamodellierungen. Eine klare methodische Trennung zwischen gemessenen und modellierten Ergebnissen erfolgt jedoch nicht.

Für die Stadtklimaanalyse werden unter anderem herangezogen:
– historische Klimadaten,
– Klimaprojektionen auf Basis der Szenarien RCP 2.6 und RCP 8.5,
– Stadtklimamodellierungen zur Ableitung von Wärmeinseleffekten,
– Oberflächentemperaturkarten mit einer Auflösung von 1 × 1 km.

Nicht transparent dargestellt wird,
– welche Aussagen unmittelbar auf Messungen beruhen,
– welche Ergebnisse rechnerisch interpoliert oder modelliert sind,
– und welche Annahmen den Modellrechnungen zugrunde liegen.

Dies erschwert eine fachliche Bewertung der Genauigkeit und Aussagekraft der Ergebnisse erheblich.

 

Die offenen Fragen sind daher:

  1. Welche konkreten Temperaturmessstationen sind in die Stadtklimaanalyse für den Kreis Groß-Gerau bzw. Bischofsheim eingeflossen, wie viele sind es insgesamt, und wo befinden sich diese Stationen räumlich?
  2. Über welche Zeiträume wurden die jeweiligen Messreihen verwendet, und wie wurde mit unterschiedlich langen Messreihen methodisch umgegangen?
  3. In welchem Umfang beruhen die dargestellten Ergebnisse auf realen Messdaten und in welchem Umfang auf modellierten bzw. interpolierten Daten?
  4. Warum werden diese methodischen Grundlagen in der öffentlich vorliegenden Dokumentation nicht transparent ausgewiesen, obwohl die Analyse als Entscheidungsgrundlage für kommunale Maßnahmen dienen soll?

 

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