Stadtklimaanalyse Kreis GG DS-Nr. 296/2024

Stadtklimaanalyse im Kreis GG (DS-Nr. 296/2024), Antrag der Fraktion GALB-BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 09.11.2024

Zweifel verboten?

Der menschengemachte Klimawandel gilt heute als unantastbar.

 Nicht, weil alle Fragen geklärt wären, sondern weil Zweifel unerwünscht sind. 

Genau das sollte misstrauisch machen.

Im Zentrum stehen Modelle, nicht Messungen. Modelle rechnen, sie beobachten nicht. Ihre Ergebnisse hängen von Annahmen ab und werden dennoch wie Gewissheiten behandelt.

Die drei Fachvorträge aus 2024:

1.

Klimawandel in Hessen und im Kreis Groß-Gerau

Die Referentin vom Hessischen Landesamt für Umwelt zeigte, dass der Kreis überdurchschnittlich stark von Hitzeperioden betroffen ist und diesen Trend durch den Klimawandel verstärkt erleben wird.

Es ging um Temperaturanstieg, mehr Hitzetage und mögliche Extremwettere-reignisse.

2.

Auswirkungen auf die Gesundheit

 

Die Experten vom Hessischen Landesamt für Gesundheit betonten, dass Hitze nicht nur direkt krank macht, sondern auch bestehende Beschwerden verschlimmern kann, die Wasserqualität leidet, Vektoren wie Zecken länger aktiv sind und andere indirekte Folgen auftreten.

3.

Stadtklimaanalyse / Hitzeaktionsplanung

 

Vertreter des Kreises stellten lokale Initiativen vor. Dazu gehören bald verfügbare Stadtklimaanalysen und interkommunale Hitzeaktionspläne, die verschiedene Gemeinden gemeinsam entwickeln, um hitzeangepasste Strategien in Planung und Alltag zu verankern.

Ergebnisse aus den Workshops in 2024

Die vier Workshops arbeiteten konkrete Handlungsfelder heraus. Dahinter steckt die Frage: Wie kann man klima- und gesundheitliche Belastungen vor Ort reduzieren und Lebensqualität verbessern?

Vier wichtige Handlungsfelder wurden definiert:

1. Gesetzliche Grundlagen und Fördermöglichkeiten

Es gibt bereits Förderprogramme und neue gesetzliche Ansätze (z. B. Bundes-Klimaanpassungsgesetz). 

Diese sollten systematischer genutzt werden, zum Beispiel durch koordinierte Antragstellung oder einen Fördermittel-Wegweiser

2. Gestaltung von Infrastruktur
 

Schwerpunkt war die Verbesserung und Nutzung von „blauer und grüner Infrastruktur“ (Parks, Wasserflächen, Grünachsen) als Schutz vor Hitze und zur Förderung von Begegnungsräumen. 

Zusätzlich ging es um Fahrrad- und Fußwege, Schattenplätze, kostenlose Trinkwasserstationen und die Entsiegelung versiegelter Flächen.

3. Vernetzung intern / extern und Kommmunikation 

Bestehende Initiativen, Netzwerke und Ehrenamtliche sollen besser verknüpft werden. 

Das heißt klarere Rollen, Weiterbildung und Vernetzungsstellen, um fachübergreifend zusammenzuarbeiten.

Verlässliche Infos zu Klima und Gesundheit sollen zielgruppengerecht verbreitet werden. 

Neben klassischen Formaten sollte neue Medienarbeit genutzt werden, zum Beispiel über Social Media, und Informationsangebote für vulnerable Gruppen ausgebaut werden.

4. Niederschwellige und aufsuchende Angebote 

Es gibt schon Ansätze in Kitas oder bei Senioren-Beratung. Ziel ist nun, solche Angebote für alle Zielgruppen weiterzuentwickeln und sichtbar zu machen. 

Beispiele sind mobile Trinkberatung, häusliche Besuche, niedrigschwellige Gesundheitschecks und Informationsarbeit auch für schwer erreichbare Gruppen.

 

Welche Argumente fehlen?

Genau hier wird es interessant. Die Studie ist sauber gemacht und gut gemeint, aber sie hat klare argumentative Leerstellen. Erlauben Sie mir diese für Sie strukturiert durchzugehen, ohne akademisch zu werden.

1. Kosten und Zielkonflikte werden kaum ernsthaft diskutiert


Es wird viel über Maßnahmen gesprochen, aber fast nichts darüber, was sie konkret kosten, wer sie bezahlt und was dafür eventuell nicht gemacht werden kann. Infrastruktur, Entsiegelung, Trinkwasserstellen, Personal für aufsuchende Angebote, das alles ist nicht kostenlos.
Was fehlt, ist eine ehrliche Abwägung zwischen Nutzen und finanzieller Belastung, gerade für Kommunen mit engen Haushalten. Ohne diese Diskussion bleibt vieles wohlklingend, aber politisch unverbindlich.

 

2. Wirksamkeit der vorgeschlagenen Maßnahmen bleibt weitgehend unbelegt


Die Annahme lautet oft implizit: mehr Grün, mehr Vernetzung, mehr Kommunikation = bessere Gesundheit. Das mag plausibel sein, wird aber kaum mit belastbaren Daten oder Evaluationen unterfüttert.
Es fehlt die Frage: Welche Maßnahmen bringen messbar etwas und welche sind eher symbolisch? Ohne Priorisierung droht Aktionismus.

 

3. Anpassung und Prävention werden vermischt


Die Studie springt zwischen Klimaanpassung, Gesundheitsförderung und allgemeiner Sozialpolitik hin und her. Das ist inhaltlich verständlich, aber analytisch unscharf.
Es fehlt eine klare Trennung zwischen
– Maßnahmen, die konkrete klimabedingte Gesundheitsrisiken senken (z. B. Hitze)
– und solchen, die allgemein wünschenswert sind, aber nur indirekt mit Klima zu tun haben.
Dadurch wirkt manches wie ein Wunschzettel, nicht wie eine fokussierte Strategie.

 

4. Individuelle Verantwortung kommt kaum vor


Fast alles wird als Aufgabe von Verwaltung, Kommunen und Netzwerken beschrieben.
Was fehlt, ist die Frage, welche Rolle individuelles Verhalten spielt, etwa beim Umgang mit Hitze, Flüssigkeitszufuhr, Wohnraumanpassung oder Risikowahrnehmung.
Ohne das bleibt das Bild paternalistisch: Der Staat schützt, informiert und organisiert, die Bürger*innen erscheinen eher passiv.

 

5. Unsicherheit und Spannbreiten werden kaum thematisiert


Klimamodelle, Gesundheitsfolgen, lokale Prognosen, all das ist mit Unsicherheiten behaftet. Diese werden zwar indirekt erwähnt, aber nicht argumentativ genutzt.
Es fehlt die ehrliche Aussage: Wir wissen einiges, anderes nicht, und Entscheidungen müssen trotzdem unter Unsicherheit getroffen werden. Das wäre gerade für politische Akzeptanz wichtig.

 

6. Keine Diskussion über alternative Prioritäten


Ein besonders großer blinder Fleck: Es wird nicht gefragt, ob es andere gesundheitspolitische Probleme gibt, die dringlicher oder wirksamer adressiert werden könnten, etwa Pflege, hausärztliche Versorgung oder psychische Gesundheit unabhängig vom Klima.
Ohne diesen Vergleich bleibt unklar, warum gerade Klima und Gesundheit jetzt Priorität haben sollen und nicht etwas anderes.

 

7. Fehlende kritische Gegenargumente


Die Studie argumentiert weitgehend konsensorientiert. Das ist angenehm, aber analytisch schwach.
Es fehlen bewusst formulierte Gegenpositionen, etwa:
– Übertreiben wir lokale Klimaeffekte?
– Sind kommunale Maßnahmen überhaupt der richtige Hebel?
– Gibt es Risiken von Überregulierung oder Fehlsteuerung?
Ohne diese Gegenargumente bleibt die Argumentation einseitig.

 

Quick & Dirty 


Die Studie sagt sehr gut, was man tun könnte. Sie sagt deutlich schlechter,
– was man lassen sollte
– was es kostet
– was wirklich wirkt
– und wo legitime Zweifel bestehen.

Kritische Gegenposition zur 

Gesundheitskonferenz „Klima und Gesundheit“

Die Verbindung von Klimawandel und Gesundheit ist grundsätzlich nachvollziehbar, dennoch bleibt fraglich, ob der eingeschlagene Ansatz auf kommunaler Ebene die richtige Schwerpunktsetzung darstellt.

Erstens wird die lokale Steuerungsfähigkeit überschätzt. Der Kreis Groß-Gerau kann weder den globalen Klimawandel beeinflussen noch zentrale gesundheitliche Risikofaktoren wie demografischen Wandel, Fachkräftemangel im Gesundheitswesen oder strukturelle Unterversorgung maßgeblich lösen. Maßnahmen wie zusätzliche Grünflächen oder Kommunikationskampagnen haben zwar einen gewissen Symbolwert, ihr tatsächlicher Effekt auf die Gesundheitslage der Bevölkerung dürfte jedoch begrenzt sein.

Zweitens fehlt eine klare Priorisierung nach Wirksamkeit und Dringlichkeit. Die vorgeschlagenen Maßnahmen stehen gleichrangig nebeneinander, ohne zu zeigen, welche Interventionen messbare gesundheitliche Verbesserungen bringen. In Zeiten knapper öffentlicher Mittel ist es problematisch, neue Aufgabenfelder zu eröffnen, ohne bestehende Ausgaben kritisch zu überprüfen oder Alternativen zu benennen.

Drittens besteht die Gefahr einer Ausweitung staatlicher Zuständigkeit ohne klaren Nutzen. Viele vorgeschlagene Aktivitäten, etwa aufsuchende Beratung oder breit angelegte Informationsangebote, überschneiden sich mit klassischer Sozial- und Gesundheitsarbeit. Sie werden nun unter dem Label „Klima und Gesundheit“ neu begründet, ohne dass ersichtlich wird, warum dafür zusätzliche Strukturen notwendig sind.

Viertens bleibt die Rolle der individuellen Eigenverantwortung unterbelichtet. Gesundheitliche Risiken durch Hitze oder Umweltbelastungen lassen sich zu einem erheblichen Teil durch persönliches Verhalten reduzieren. Eine Strategie, die fast ausschließlich auf institutionelle Lösungen setzt, läuft Gefahr, Bürgerinnen und Bürger zu entmündigen, statt ihre Handlungskompetenz zu stärken.

Fünftens wird mit dem Thema Klima ein moralisch stark aufgeladenes Argument genutzt, um politische Zustimmung zu erzeugen. Das erschwert eine nüchterne Debatte über Kosten, Nutzen und Alternativen. Gerade weil Klimaschutz gesellschaftlich breit akzeptiert ist, besteht das Risiko, dass Maßnahmen weniger kritisch hinterfragt werden als in anderen Politikfeldern.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass unter dem berechtigten Hinweis auf klimabedingte Gesundheitsrisiken ein sehr breites Maßnahmenbündel legitimiert wird, dessen Effektivität und Verhältnismäßigkeit nicht ausreichend belegt sind. 

Eine überzeugendere Strategie würde sich auf wenige, klar evaluierbare Maßnahmen konzentrieren, bestehende Strukturen stärken und offen mit Zielkonflikten umgehen, statt neue Aufgabenfelder zu definieren.

 


 

Nachfrage zur Stadtklimaanalyse im Kreis Groß-Gerau

Die Stadtklimaanalyse wird als zentrale Grundlage für zukünftige klima- und gesundheitspolitische Maßnahmen im Kreis Groß-Gerau herangezogen. In der öffentlich zugänglichen Dokumentation der Gesundheitskonferenz 2024 bleibt jedoch offen, auf welcher konkreten Datengrundlage die dargestellten Temperaturentwicklungen beruhen.

1.

Welche konkreten Temperaturmessstationen sind in die Stadtklimaanalyse für den Kreis Groß-Gerau eingeflossen, wie viele sind es insgesamt, und wo befinden sich diese Stationen räumlich?

2.

Über welche Zeiträume wurden die jeweiligen Messreihen verwendet, und wie wurde mit unterschiedlich langen Messreihen methodisch umgegangen?

 3.

In welchem Umfang beruhen die dargestellten Ergebnisse auf realen Messdaten und in welchem Umfang auf modellierten bzw. interpolierten Daten?

4.

Warum werden diese methodischen Grundlagen in der öffentlich vorliegenden Dokumentation nicht transparent ausgewiesen, obwohl die Analyse als Entscheidungsgrundlage für kommunale Maßnahmen dienen soll?

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